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Wasserwanderungen

 

Dass Babsi ein paar Tage Urlaub im August nehmen musste begeisterte uns zunächst gar nicht. Viel lieber wären wir in der Vor- oder Nachsaison verreist, was sich arbeitstechnisch allerdings nicht realisieren ließ. Als die Zeit herannahte, verhieß die Wetterkarte herrliches Sommerwetter – wenigstens etwas. Was lag da näher, als die Hundstage mit dem Paddelboot auf dem Wasser zu verbringen. Angeregt durch Freunde, mit denen wir vor einiger Zeit über die Berliner Gewässer schipperten, wollten wir uns dort etwas genauer umschauen. Jörg war zunächst skeptisch. Neben vollen Campingplätzen befürchtete er vor allem viel Motorbootverkehr auf dem Wasser. Das Paddeln zwischen Partyflößen, schwimmenden Gartenlauben und Motorbooten macht nur begrenzt Freude, und der Spaßfaktor sinkt erst recht, wenn sich einige Möchtegerns nicht an die Regeln halten. So schaute sich Jörg akribisch in den einschlägigen Wasserwanderkarten um und wurde rund um Erkner fündig. In dem Gebiet gibt es einige abgeschiedene Wasserstraßen, zu denen zwar die Anfahrt etwas turbulent ist, die selbst aber für Motorboote gesperrt sind.

Wider Erwarten bekommen wir in Woltersdorf sofort einen Campingplatz, sogar direkt am Wasser. Nach einem ausgiebigen Bad im Flakensee bauen wir unser Boot auf und starten zu einer ersten Runde. Der Weg führt durch das Flakenfließ in Richtung Erkner. Nun klingt der Name des Gewässers zwar idyllisch, es entpuppt sich jedoch als eine Hauptwasserstraße der Gegend. In dem durch Spundwände begrenzten Kanal ziehen motorisierte Zeitgenossen wie an einer Perlenschnur vorüber. Was bleibt, sind hohe Kreuzwellen, in denen man lieber mit einem Hochseekajak als mit einem Paddelboot unterwegs wäre. Der Spuk hat jedoch bald ein Ende und wir tauchen in die Wälder der Spreeaue ein. Die Tour durch den Gosener Graben erinnert uns an die Fahrt durch die Australischen Everglades. Natürlich ist die Vegetation eine andere, aber auch hier führt der Wasserlauf durch tiefe, scheinbar unberührte Wälder.
Das Kontrastprogramm dazu wird uns in Neu Venedig geboten. Schon bald nach der Einfahrt in das Gartenreich durchqueren wir die Rialtobrücke und gleiten zeitlos entlang der mehr oder weniger mondänen Grundstücke. Schrebergärten an Wasserwegen könnte man meinen, stünden da zwischendrin nicht immer wieder prunkvolle Villen.


Am Abend bummeln wir durch Woltersdorf. Die Historische Straßenbahn prägt das Bild des gemütlichen Berliner Vorortes. Während unserer Paddeltour hatten wir schon die Schleusenbrauerei entdeckt. Nun wollen wir mit einem Schleusenbier den Tag beschließen. Die verschiedenen Sorten von Selbstgebrautem schmecken ausgesprochen lecker, allerdings wirkt auf uns das Management des Gasthofes etwas überfordert.
Einige Tage später besuchen wir auf Empfehlung des Campingwartes die Liebesinsel. Das Gasthaus liegt direkt am Wasser, und die untergehende Sonne scheint bis spät abends auf die Terrasse. Da die Lokalität beliebt ist,  reservieren wir brav einen Tisch. Die Beliebtheit liegt vielleicht auch an dem zuvorkommenden Auftritt des Personals. Als wir jedoch das Bier mit einem fetten Lippenstiftrand am Glas serviert bekommen, vergehen uns Appetit und Durst schlagartig. Zwar entschuldigt man sich höflich, aber was nützen Maskenpflicht und Abstandregeln in diesen Zeiten, wenn die primitivsten hygienischen Standards in einer Gaststätte nicht eingehalten werden.
So war es auch irgendwie erklärlich, als Babsi in der letzten Nacht schwere Magenkrämpfe bekommt.  Vom schmutzigen Geschirr bis zur Mayo auf den Pommes, die bei diesen Temperaturen nur eine geringe Halbwertzeit hat, kommen viele Ursachen in Betracht. In Ermangelung anderer Mittel kocht  Jörg mitten in der Nacht einen Pfefferminzsud. Der hilft über die schlimmsten Leiden hinweg.


Am nächsten Morgen packen wir unsere Sachen. Jörg quält sich durch die Staus auf der Autobahn und Babsi quält sich nach wie vor mit ihrem Verdauungstrakt herum. Zum Glück ist der Heimweg überschaubar. Nach einem Ruhetag zu Hause beginnt für Babsi eine neue Arbeit. Von ihrem Schreibtisch schaut sie direkt in den Leipziger Zoo. Ab und an kommt ein Elefant vorbei und grüßt mit seinem Rüssel – ein Hauch von Afrika.

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