Zeitlos

Abfälle des Goldbergbaus in Norseman

Wir übernachten in Norseman. Seinen Namen erhielt der Ort von einem Pferd. Der Legende nach hatte es sein Besitzer über Nacht an einen Baum gebunden. Als das Tier am nächsten Morgen hinkte, schaute der Eigentümer nach und stellte fest, dass im Huf ein Goldklumpen steckte…
Immerhin ist von der Goldgräberzeit Ende des vorletzten Jahrhunderts noch eine Mine übriggeblieben.

Michael meint, dass der Ort nicht wiederzuerkennen wäre. Der Pensionär hat in den 1970er Jahren in Norseman gearbeitet. Drei Minen gab es damals, und in der Stadt steppte der Bär. Heute ist die verschlafene Siedlung Ausgangspunkt für die Durchquerung der Nullarbor, das heißt, nach dem Ortschild in Richtung Osten kommt noch weniger.
Verschmitzt lächelt uns Michael an. Wollt Ihr wirklich in den Busch, fragt er zum wiederholten Mal. Wenig später erhalten wir von ihm eine ausführliche Bedienungsanleitung für die Passage der Nullarbor inclusive Abstechern. Auf der Teerstraße werdet ihr nur Caravans, Roadtrains und tote Kängurus sehen, meint er. Lebende Tiere wie Emus, Kamele oder Dingos findet man abseits der Hauptstraßen. Nun, wir sind gespannt. Zum Abschied laden wir noch eine App auf das Smartphone, auf der die aktuellen Spritpreise an der Strecke angezeigt werden. So bleibt uns wenigstens der Schock an den wenigen Tankstellen erspart. Dass der Preis um einiges höher liegen würde als in den Städten, war uns klar. Dass die Aufschläge allerdings zwischen 50 und 100% betragen würden verschlägt uns dann doch die Sprache. Danke trotzdem Michael!

Mit dem besseren Wetter kommen die Fliegen. Zu hunderten freuen sich die Tiere mit uns über die Sonne und die warmen Temperaturen. Sie fliegen vor Freude in die Nase und Ohren oder verirren sich hinter die Brillengläser. Schweigend laufen wir nebeneinander her. Jedes Wort birgt die Gefahr einer ordentlichen Eiweißportion. Und wenn sich die Plagegeister vom vielen Traktieren ausruhen, sitzen sie zu Dutzenden auf dem Rucksack, lassen sich durch die Gegend schaukeln und warten auf eine neue Gelegenheit zum Anflug. Am Abend hat das grausame Spiel ein Ende. Erschöpft von ihrem Tagwerk legen sich die Fliegen schlafen, nicht jedoch ohne den Mücken vorher gesagt zu haben, dass sie nun an der Reihe sind.

ein Baum

Das Navi haben wir weit weggepackt. Angesichts der übersichtlichen Straßenverhältnisse in der Nullarbor-Ebene werden wir das Gerät in den nächsten Tagen nicht brauchen. Auf der längsten Strecke, die in Australien geradeaus führt, braucht man über 146 Kilometer nicht mal das Lenkrad. Umso nützlicher ist hier der Tempomat. Trotzdem sollten die Sinne wach bleiben. Bei 90 km/h werden wir immer wieder von überlangen Road Trains überholt. Und noch etwas fällt uns auf: Wie Michael bereits vorhergesagt hatte, liegen unzählige tote Kängurus auf dem Highway, oft müssen wir doch eine Kurve nehmen, um die Kadaver zu umfahren. So können wir nur hoffen, dass unsere beiden Känguruhörner klaglos ihren Dienst verrichten und die Tiere warnen.

Mit der Durchquerung der Nullarbor werden unsere Tage kürzer. Das sollte mit dem herannahenden Sommer zwar umgedreht sein, die Reiseroute gen Osten lässt uns jedoch immer öfter die Uhr stellen. Das erste Mal stellen wir in Caiguna die Zeit um 45 Minuten nach vorn. Da die elektronischen Geräte nicht mitziehen, schauen wir uns irritiert an. Am Ende wissen wir nicht so richtig, wie spät es wirklich ist. Das scheint nicht nur uns so zu gehen, denn im Roadhouse zu Cocklebiddy hängt ein großes Schild, auf dem kundgetan wird, dass die Uhren gegenüber der westaustralischen Zeit tatsächlich 45 Minuten vorzustellen sind. Einige hundert Kilometer weiter, an der Grenze zum Bundesstaat Südaustralien, kommen laut Tourenbeschreibung nochmal 45 Minuten dazu. Kaum haben wir die Grenze überquert, springt die Zeit auf Babsis Handy munter zweieinhalb Stunden nach vorn. Wir sind baff, glauben an einen Fehler… und schon ist das Internetsignal wieder weg. Als wir einige Zeit später erneut an einem Funkturm vorbeifahren, springt die Uhr auf dem Handy zurück auf Westaustralische Zeit. Die Verwirrung ist komplett. Mit dem Abendessen richten wir uns nun nach der Sonne, und ins Bett gehen wir einfach, wenn wir müde sind. Es ist ein völlig neues Gefühl, zeitlos zu leben.

Auf unserer Reise durch die Nullarbor treffen wir an schönen Stellplätzen einige Leute immer wieder

Am nächsten Tag treffen wir Stan wieder. Er steht an einer Klippe und fotografiert den Sonnenuntergang. Wir gesellen uns dazu und fachsimpeln über Objektive und ISO-Werte. Beiläufig fragen wir, wie spät es ist. Stan schaut auf seine Uhr und meint, es sei um sieben. Wir schauen den Mann fragend an. Lächelnd erklärt der, dass seit gestern südaustralische Sommerzeit gilt, und die ist nun mal der westaustralischen Zeit zweieinhalb Stunden voraus.
Schade, es war so schön, zeitlos zu leben.

Weitere Bilder zum Artikel sind hier zu finden…

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